User Research E-Bike Hersteller
Projekt: Product Discovery & UX Research – Krisenintervention bei einem E-Bike-Hersteller
Projektfokus: User Research, Product Discovery, Stakeholder Management, Fehler- & Ursachenanalyse
Rolle: Projektleiter / UX & Product Consultant
Ausgangslage & Problemstellung
Ein aufstrebender E-Bike-Hersteller sah sich auf Fachmessen wiederholt mit negativen Rückmeldungen zu seinen neuen Produktankündigungen konfrontiert. Das Produkt verkaufte sich schlecht, weshalb ich zur Ursachenanalyse und Neuausrichtung der UX-Strategie hinzugezogen wurde.
Analyse & Methodische Korrektur
Eine tiefgehende Untersuchung der bisherigen Produktentwicklung offenbarte einen massiven methodischen Fehler: Das bestehende User Research wurde ausschließlich mit einem entwicklungsnahen Personenkreis im eigenen Haus durchgeführt – oft direkt nach einer Werksführung, bei Snacks und in Räumen voller Marketingposter. Dies führte zu einem extremen Confirmation Bias (Bestätigungsfehler): Die Probanden spiegelten lediglich die Marketingbotschaften wider, anstatt echte Nutzerbedürfnisse zu äußern.
Um valide, unverfälschte Marktdaten zu erheben, initiierte ich einen methodischen Neustart:
- Feldstudien (Guerilla Testing): Gemeinsam mit einem von mir geführten Team aus drei Auszubildenden organisierte ich unabhängige User Interviews in der Essener Innenstadt.
- Validierung: Aufgrund der eklatanten Abweichungen zu den internen Daten beauftragte mich die Geschäftsführung umgehend mit einer zweiten, validierenden Interviewreihe auf einer großen Fahrradmesse.

Wesentliche Erkenntnisse: Inside-Out vs. Outside-In
Die externen Interviews deckten eine fundamentale Diskrepanz zwischen der Unternehmensvision (Over-Engineering) und dem tatsächlichen Marktbedarf auf:
| 1. User Interviewrunde Firmenintern | 2. User Interviewrunde Essener Innenstadt | 3. User Interviewrunde Fahrradmesse | |
| 1. Punkt | Innovation | herausnehmbarer Akku | Art der Unterstützung |
| 2. Punkt | Modernes minimalistisches Design | Einfache Bedienung | herausnehmbarer Akku |
| 3. Punkt | App | Art der Unterstützung | Einfache Bedienung |
| 4. Punkt | Reichweite 120 km+ | Federung | Federung |
| 5. Punkt | Fahrprogramme | Diebstahlschutz | Sattel |
| 6. Punkt | – | Robust | Diebstahlschutz |
| 7. Punkt | – | Reichweite 60 km+ | Robust |
| 6. Punkt | – | Beleuchtung | Reichweite 80 km+ |
| Preisspanne | 4000 – 6000 € | 1000 – 2000 € | 2000 – 3000 € |
Business Impact & Fazit
Die Folgen der anfänglichen methodischen Fehleinschätzung verdeutlichen die Wichtigkeit fundierter Product Discovery: Das entwickelte E-Bike verfehlte den Product-Market-Fit völlig. Es war mit über 4.500 € zu teuer, bot keine gewünschte Federung oder herausnehmbaren Akkus und war in der Entwicklung (u.a. durch Pläne für eine selbstfahrende Version) viel zu kostenintensiv konzipiert.
Zwar konnten wir durch nachträgliche Anpassungen (Integration von Diebstahlschutz, Einführung einer Damenversion) noch ein Umsatzplus von 11 % generieren, jedoch war der finanzielle Schaden durch die anfängliche Fehlentwicklung zu groß – das Unternehmen musste Insolvenz anmelden.

Der positive Nachklang: Ein Wettbewerber erkannte das Potenzial, übernahm das Produkt mitsamt dem Großteil der Belegschaft und vertreibt das E-Bike heute – passend zu unseren Research-Ergebnissen – erfolgreich und in angepasster Stückzahl im Preisbereich ab 2.000 €.
